In dieser Folge geht es um eine beachtenswerte Auszeichnung für die VHS Oberhausen und das Programm für die Sinfoniekonzerte im Jahr 2026. Von E. Noldus.

Der Text als pdf-Datei: 20260304b_Kulturausschuss_20260226_2

Auszeichnung mit dem „Innovationspreis Erwachsenenbildung“

Die VHS-Leiterin Frau Dr. Reisz hatte erstmals am 6. 6. 2024 im Kulturausschuß über das „KI-Seepferdchen“ gesprochen. Ziemlich genau ein Jahr später, in der Sitzung des 5. 6. 2025, erläuterte sie dem Ausschuß ausführlich den Stellenwert von Künstlicher Intelligenz im VHS-Bildungsprogramm und die damit verbundenen Konzepte für die Weiterbildung.

Am 4. 12. 2025 gab die Pressestelle der Stadt Oberhausen folgendes bekannt:

Das von Dr. Carsten Weiß, Fachbereichsleiter Beruf und IT der Volkshochschule Oberhausen, und Dr. Marco Fileccia, Lehrer am Heinrich-Heine-Gymnasium, entwickelte Bildungsformat „KI-Seepferdchen“ wurde ausgezeichnet. Der „Preis für Innovation in der Erwachsenenbildung 2025“ des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) wurde für das Gesamtkonzept zur KI Bildung und der Entwicklung über drei Jahre von Dr. Weiß und seinem Team vergeben. Der Preis wird alle zwei Jahre im Rahmen des wissenschaftlichen Forums des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) als höchste Auszeichnung der Erwachsenenbildung verliehen.“

In der Ausschußsitzung berichtete Dr. Weiß persönlich über die erhaltene Auszeichnung.

Der Bericht

Wir beschränken uns auf die Wiedergabe der wichtigsten Gedankengänge und beginnen mit dem Selbstverständnis des Redners, wonach Teilhabe und Weiterbildungsauftrag als grundlegende Prioritäten aufzufassen sind, deren Umsetzung vor dem Hintergrund des kulturpolitischen Engagements in der Stadt namentlich des Kulturdezernenten erleichtert und gefördert wird.

Die Beschäftigung mit neuen Technologien wie ChatGPT habe ihm, Dr. Weiß gezeigt, daß Aversionen gegen technische Neuerungen weit verbreitet waren. Daher habe man mit dem KI-Seepferdchen einen Ansatz entwickelt, der auf konkrete Interessen abzielte (z. B. die Vorbereitung einer Silberhochzeit einschließlich Menüvorschlägen). Damit einher ging ein ständiges Abfragen von Rückmeldungen, um daraus bestehende Angebote zu überarbeiten oder neue Formate zu entwickeln. Der Antrieb für Innovationen entsprang zwei Motiven; nämlich die Notwendigkeit erkennen und die Gelegenheit nutzen.

Danach referierte Dr. Weiß über die grundlegenden Bedingungen des KI-Seepferdchens als eines niedrigschwelligen und stark anwendungsorientierten Angebotes. Man durchlief Stationen; nämlich „Grenzen erkennen“, „Bilder generieren“ und „Prompting“ (Befehle eingeben). Zur Belohnung gab es ein Seepferdchen als Auszeichnung für digitale Teilhabe als ein „Bürgerrechtsinhalt“.

Abschließend gab Dr. Weiß einen Ausblick auf die Schwerpunkte bei der Weiterentwicklung der bestehenden Angebote zur KI-Nutzung. Ein wichtiger Bestandteil sei die Berücksichtigung des „digitalen Wohlbefindens“. Oder umgekehrt: von Ängsten vor Verlust von Arbeit, Kontrolle und digitaler Souveränität. Ein weiteres Stichwort war „Slow Media“ in Verbindung mit der Betonung der Qualität von Inhalten und dem Aspekt des „Zwanges zur Digitalisierung“ bzw. dessen Umgehung.

Abschließend bedankte er sich bei den Anwesenden, die, stellvertretend für die Bürgerschaft, alles ermöglicht haben und auch Interesse gezeigt hätten.

Dr. Geza Reisz ergänzte, man könne für die Kulturpolitik in Oberhausen stolz sein. Sie sei ihrerseits dankbar, daß es Möglichkeiten zum Gestalten und Innovieren gebe. In diesem Sinne seien Politiker Repräsentanten und Multiplikatoren für die Tätigkeit der VHS. Das bitte sie auch für die Zukunft beizubehalten. Man sei für Anregungen aus Vereinen oder Gruppen empfänglich und könne dann auch pädagogisch aktiv werden – auf allen Ebenen der Kulturpolitik.

Zum methodischen Ansatz

An zwei Stellen kam Dr. Weiß auf den methodischen Ansatz zu sprechen, der uns so bemerkenswert erscheint, daß ein eigener Abschnitt gerechtfertigt ist.

Ausgangspunkt ist die Überlegung, daß sich Menschen „digitalisieren“, also unter einem Sachzwang stehend sich anpassen müssen. Damit sind sie Lernende, welche sich im übertragenen Sinne in einer untergeordneten Position befinden. Beim Thema „Künstliche Intelligenz“ habe an die Perspektive umgedreht:

Die Erfahrung, selbst formulieren zu müssen, vor einem leeren Blatt Papier gesessen zu haben und einen schöpferischen Prozeß mit all seinen Fehlern und Irrtümern durchlaufen zu haben, erleichtert die adäquate Beurteilung dessen, was KI als Ergebnis liefert.

Jüngere Leute wiederum seien zwar in diesem Bereich technikaffin, besäßen also weniger Scheu vor der Anwendung, seien aber weniger gut in der kritischen Bewertung von KI-Ergebnissen und in der Definition dessen, was sie eigentlich wollen.

Das habe wiederum zu einem neuen Erfahrungshorizont geführt: Es sind nicht die jungen Leute, die den Älteren die Welt erklären und Neues anwenden, sondern es sind die Älteren, die ihre Lebenserfahrungen und Fähigkeiten zu kritischem Denken den Jüngeren aufzeigen und deren Horizont erweitern.

Anders gesagt: Die Veranstaltung habe mit einer ungewohnten Form von Respekt den Älteren gegenüber stattgefunden. Man sei sich also auf Augenhöhe begegnet. Bei der Laudatio anläßlich der Preisverleihung, gehalten von der Referentin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Seniorenorganisationen (BAGSO), sei gerade dieser Aspekt wohlwollend beurteilt worden.

Abschließend faßte Dr. Weiß seine Erkenntnisse in zwei Sätzen zusammen:

Die Begegnung zwischen den Generationen führte zu der Erkenntnis, daß hier (im KI-Bereich) die eigentlichen Experten die Personen mit Lebenserfahrung sind. Und zweitens ist die Frage von digitaler Bildung keine Frage des Alters, sondern der Haltung.

Wortmeldungen zum Bericht

Herr Noldus (AfD) nannte die KI-Seepferdchen-Veranstaltung von der Konzeption, von der Durchführung her sehr beeindruckend, weil sie geholfen habe, einen einfachen Einstieg in ein kompliziertes Thema zu erlauben. Das sei den Machern sehr gut gelungen.

In bezug auf eine Äußerung von Dr. Weiß zur Beurteilung von KI-Ergebnissen: Die Frage dahinter ist, macht man sich abhängig von KI-generierten Inhalten und verlernt man dadurch das eigenständige Denken oder Recherchieren? Das lasse er als Frage im Raum stehen. Der Bericht zeige aber, daß Dr. Weiß die Weiterentwicklung auf diesem Gebiet weiter beobachte und auch in Zukunft versuche, das in die VHS-Bildungspolitik einzubringen.

Eine Idee zur vertieften Nutzung wäre vielleicht der Aspekt „KI als Hilfe beim Erlernen von Fremdsprachen“. Abschließend ein uneingeschränktes Lob von dieser Seite aus, was für manche sicher etwas ungewohnt in diesem Kulturschuß sei.

Herr Sahin (SPD) behauptete, für ihn bedeutete die Auszeichnung keine Überraschung, weil Frau Dr. Reisz schon früher hier im Ausschuß über Künstliche Intelligenz referiert und ihr großes Engagement hatte erkennen lassen.

Frau Wolter (CDU) verband ihre Gratulation mit persönlichen Anmerkungen darüber, wie das Projekt „KI-Seepferdchen“ ihr den Zugang zu dieser Neuerung erleichtert habe. Unter netter Anspielung auf eine Metapher, die Frau Dr. Reisz seinerzeit verwendet hatte, führte sie aus:

Als Kind habe sie dieses (!) Seepferdchen nicht erwerben können, weil es das noch nicht gegeben habe. Aber jetzt könne sie schwimmen und auf dieser Welle mitschwimmen. Sie habe mit der Hilfe vieler junger Menschen manches gelernt, was sie ohne diese Hilfe nicht geschafft hätte. Und jetzt, so glaube sie, sei sie zu einer selbständigen Anwendung in der Lage.

Hinweis: Als Anlage haben wir die Zusammenstellung weiterführender Links zu diesem Bericht, wie sie in der Sitzung verteilt worden war, beigefügt.

Die Sinfoniekonzerte 2026

Der Leiter des Bereichs Musische Bildung, Herr Sulejmani, stellte das Jahresprogramm 2026 vor. Zu den Terminen gehörte auch ein bereits stattgefundenes Konzert. Es waren dies:

5. Februar 2026 Konzert „Grenzenlos“ der württembergischen Philharmoniker Reutlingen (mit Ariane Matiakh als Dirigentin und dem klassischen Pianisten Saleem Ashkar): Werke mit einer Verbindung zwischen osteuropäischer und westlicher Klassik – Europa als kultureller Raum ohne Grenzen sowohl geographisch als auch mental.

19. April 2026 17 Uhr Konzert „Sinfonische Horizonte“ der Staatsphilharmonie Nordmazedonien unter der Leitung von Desar Sulejmani im Rahmen einer Konzertreihe aus Anlaß des fünfjährigen Jubiläums der Länderpartnerschaft zwischen NRW und Nordmazedonien. Auftakt zu den Westbalkan-Tagen, die alle Kulturinitiativen in NRW, die einen Bezug zum Westbalkan haben, verbinden soll. Die Stücke von Franz von Soppé, Camille Saint-Saëns, Gligor Smokvarski und Antonin Dvorak bilden und verbinden west- und europäische Musiktraditionen.

Zu den ermäßigten Eintrittspreisen des Auftakts der Balkantage siehe die Hinweise hier.

Hinweis des Kulturdezernenten nach dem Vortrag: Die Preisgestaltung für dieses eine Konzert sei eine Ausnahme und ein Testversuch. Man werde eine entsprechende Beschlußvorlage über die spezielle Preisgestaltung dem Rat zur Beschlußfassung vorlegen (müssen).

2. Juli 2026 19 Uhr Konzert der Philharmonia Frankfurt (mit Juri Gilbo als Dirigent und dem Pianisten Robert Neumann): Als Orchester bekannt für innovative Programme und stilistische Offenheit. Tanz und Leichtigkeit, volksmusikalische Elemente, ernste existentielle kleine Welten als Kontraste. Musik als Ausdruck gesellschaftlicher Spannung zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, zwischen Tradition und Moderne.

6. September 2026 14. Konzert im Rahmen einer Tournee des Western Balkan Youth Orchestra unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten von NRW. Das Motto der Konzertreihe „Be Embraced“ oder „Seid umschlungen“ ist bewußt an Beethovens 9. Sinfonie „Ode an die Freude“ angelehnt. Es steht für europäische Einigkeit als Ziel oder Vision.

Das 2019 gegründete Orchester (zur Zeit 70 Musiker aus 15 Nationen) umfaßte ursprünglich Musiker aus den sechs Nicht-EU-Staaten des Westbalkans , um laut Selbstdarstellung des Orchesters die Jugend der Region zu vereinen, um Barrieren einzureißen und einen langdauernden Frieden zu erhalten.

26. November 2026 16.30 Uhr Konzert des Kiewer Sinfonieorchesters, zur Zeit in Monheim: Klassisches Konzert innerhalb einer Reihe mit vielfältigen Programmen.

30. November 2026 abends zweites Konzert des Kiewer Sinfonieorchesters. Ein ukrainisches Orchester in Deutschland als Akt kultureller Solidarität und Unterstützung. Die Stärkung internationaler Partnerschaften und Förderung kultureller Bildung als zentrale Bausteine für eine demokratische Gesellschaft.

20. November [Dezember] 2026 Oberhausener Weihnachtskonzert mit dem Sinfonieorchester Ruhr: Dirigenten, Mitwirkende und Chöre aus Oberhausen stehen für eine regionale Verwurzelung. Ziel ist die Begründung einer Tradition Oberhausener Weihnachtskonzerte wenigstens alle zwei Jahre und die Stärkung der lokalen Kulturszene.

Hinweis: Genannt wurde der 20. November, aber es ist vermutlich der 20. Dezember gemeint.

Die politische Dimension kulturellen Schaffens

Innerhalb des gut strukturierten Vortrages kam Herr Sulejmani immer wieder auf die politische Dimension kulturellen Schaffens zurück. Wir versuchen hier eine Skizze der allgemeinen Aussagen, die über die Anmerkungen zu den einzelnen Konzerten hinausgehen.

Ausgangspunkt war die Beobachtung, daß das einst stark industriell geprägte Oberhausen im Wandel zu einem Kulturstandort des Ruhrgebietes begriffen sei. In diesem Sinne nannte er neben den Sinfoniekonzerten das Theater, die Ludwiggalerie, die soziokulturellen Zentren und das Kulturbüro als Bestandteile eines Arbeitsumfeldes, welches durch eine erfreuliche Vielfalt kultureller Angebote gekennzeichnet sei; die kulturelle Identität einer Stadt im Wandel.

Generell soll jedes Konzert unter einem Motto stehen, um die Verbindung zwischen Musik, Programm und Publikum für ein besseres Verständnis der Konzerte zu vertiefen. Worin besteht dieses Verständnis?

In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, so Sulejmani, gewinnen Kulturveranstaltungen als verbindende Elemente eine immer größere Bedeutung. Die politische Notwendigkeit der Kunst bestehe darin, den kulturelle Austausch zu fördern. Durch die Kunst finden Verbindungen statt zwischen Völkern und Ländern auch dort, wo politische Prozesse stagnieren.

Das Western Balkan Youth Orchestra muß, so meinen wir, aus dieser Perspektive als eine Art Versuchslabor erscheinen, welches Grenzen überwindet und Verbindungen schafft, wo die Politik scheitert oder unwillig ist. Und deshalb, so sei angemerkt, haben wir es etwas ausführlicher dargestellt.

Die politische und auch gesellschaftliche Einordnung der internationalen Sinfoniekonzerte folgt aus der von Sulejmani genannten „politischen Notwendigkeit“: Die Konzerte fördern die internationale Verständigung und treten für ein vereintes Europa und dessen demokratische Werte ein. Musik kann politische Brücken bauen, ohne parteipolitisch zu sein. In Zeiten von Nationalismus, Krieg und gesellschaftlicher Spaltung wird Kultur zu einem Raum des Dialogs.

Eine weitere Perspektive, die auf den ersten Blick unpolitisch zu sein scheint, erschließt sich erst beim genaueren Hinsehen. Sie ergibt sich aus dem Nebeneinander von Kiewer Sinfonieorchester und Sinfonieorchester Ruhr. Letzteres steht nach Sulejmani für eine regionale Verwurzelung, das Weihnachtkonzert – nur mit Mitwirkenden aus Oberhausen – nach unserer Meinung für eine kulturelle, inzwischen muß man sagen „für eine verschwindende“ kulturelle Tradition. Sulejmanis Hinweis, das Konzert bilde einen emotionalen Abschluß der Konzertreihe sowie der Kulturveranstaltungen in Oberhausen, läßt das Konzert als eine bewußte Hinwendung zum räumlich Kleinen, zum Überschaubaren erscheinen.

Nach Sulejmani überwindet Musizieren nationale Grenzen und Musik stellt eine universelle Sprache dar. Aber das schließt offenbar den Respekt für gewachsene Traditionen nicht aus.

Der Vorsitzende Scherer griff den Gedanken am Schluß – Kultur und Musik als Brückenbauer in schwierigen Zeiten – auf: Das könnten alle gebrauchen, träfe aber auch auf andere Kunstformen zu. Es sei schön, in diesem Ausschuß daran mitwirken zu können.


Anlage: